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Altenburg

Fotografie ©: Jan Kobel

Altenburg und die SS – der Testlauf „Polenaktion“


Für viele Familien der nach 1860 wieder entstandenen jüdischen Gemeinde war bereits der 28. Oktober 1938 der Tag ihrer Beraubung und Vertreibung aus Altenburg. Ihre Vorfahren waren einst aus Polen oder Galizien eingewandert, die Nationalsozialisten schoben diese doppelt stigmatisierten Jüdinnen und Juden im ganzen Deutschen Reich ohne Vorwarnung im Rahmen der „Polenaktion“ ab.

An diesem Tag wurden sie aus ihren Wohnungen geholt und im Gefängnis nahe der Brüderkirche festgesetzt. Die SS brachte sie in Sammeltransporten an die polnische Grenze in Oberschlesien.

Von dort trieben sie die Menschen zu Fuß nach Polen. Von polnischer Seite wurde den Juden der Zutritt verwehrt, eine Rückkehr auf die deutsche Seite gewaltsam verhindert. In den folgenden Tagen durften etwa 10.000 einreisen, 8.000 wurden in Zbąszyń interniert.

Unter den Abgeschobenen befand sich Sendel Grynszpan aus Hannover. Dessen in Paris lebender 17-jähriger Sohn Herschel schoss am 7. November 1938 aus Rache, Empörung oder Verzweiflung auf den Sekretär der deutschen Botschaft Ernst Eduard vom Rath, der am 9. November seinen Verletzungen erlag. Die Nationalsozialisten nahmen diesen Vorfall zum Anlass für das Novemberpogrom 1938.

An diesem Tag brach die SA das Gebäude des Betsaales und der jüdischen Schule in der Pauritzer Straße 54 auf, zertrümmerte die Einrichtung, zerfetzte die Gebetsbücher und warf die Torarollen auf die Straße. Das Gebäude wurde erst nach der Wende abgerissen. Unter neu geordneten räumlichen Bedingungen entstand ein Wohngebiet mit Gedenktafel. 


Marianne Cohn führte ab 1890 mit ihrem Ehemann Sally Bucky das Kaufhaus M. & S. Cohn, später übernahm der Schwiegersohn Albert Levy das Geschäft. Die meisten Familienmitglieder wurden ermordet. Erst nach 1990 bekamen die Nachfahren ihre Villa in der Rudolf-Breitscheid-Straße zurück – und schenkte das Gebäude dem Evangelisch-Lutherischen Magdalenenstift, das dort eine Suchtklinik betreibt. Im Jahr 2017 entstand in einer Zusammenarbeit von Bürgerinnen und Bürgern Altenburgs, Theater & Philharmonie Thüringen und dem Yoram Loewenstein Performing Arts Studio Tel Aviv das Theaterstück Cohn Bucky Levy – Der Verlust.


Fotografie ©: Jan Kobel