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Jecheskiel David Kirszenbaum – Karikaturen eines Bauhäuslers zur Weimarer Republik

Die Volkshochschule Weimar eröffnete am 26. August 2021 im Jubiläumsjahr "1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland/900 Jahre Jüdisches Leben in Thüringen" ihre o.g. Ausstellung zu Karikaturen von Jecheskiel David Kirszenbaum, die er in Berlin in der Zeit der Weimarer Republik zwischen den Jahren 1925 und 1933 schuf.


Parallel zur Ausstellungseröffnung wurden der Internetauftritt „Kirszenbaum.vhs-weimar.de“ und der 90-seitige Ausstellungskatalog vorgestellt. Die Ausstellung in den Fluren der vhs umfasst 31 Tafeln in den Maßen 60x80, die über zwei Etagen verteilt sind und zumindest bis Ende dieses Jahres gezeigt werden.


Der Künstler Kirszenbaum wurde 1900 in Staszow (damals Russland, heute Polen) als dritter Sohn einer Rabbinerfamilie geboren. 1920 ging er als Bergmann ins Ruhrgebiet, um sein Studium am Staatlichen Bauhaus in Weimar zu finanzieren, das er 1923 begann. Zu seinen Lehrern zählten u.a. Feininger, Klee und Kandinsky. Nach dem Umzug des Bauhauses nach Dessau war sogar eine Anstellung als Bauhausmeister im Gespräch. 1925 zog Kirszenbaum jedoch nach Berlin. Neben seinen Arbeiten als Maler verdiente er seinen Lebensunterhalt u.a. als Karikaturist für linksliberale Blätter und die Arbeiterpresse in Berlin und München, so für „Ulk“, „Querschnitt“, „Roter Pfeffer“, „Magazin für alle“ und „Jugend – Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben“. 1929 stellte Kirszenbaum auf der "Juryfreien Kunstausstellung" in Berlin aus. Er wurde Mitglied der "Assoziation revolutionärer bildender Künstler" und nahm 1931 an deren Ausstellung teil.


1933 floh Kirszenbaum mit seiner Frau Helma Joachim nach Paris und wurde Teil der Ècole de Paris. Mit dem Einmarsch der Nazis und der einsetzenden Judenverfolgung gingen Kirszenbaum und seine Frau in den Untergrund. Während J.D. Kirszenbaum die Naziherrschaft überlebte, wurde seine Frau 1944 in Auschwitz ermordet. Etwa 600 der Werke Kirszenbaums vernichteten die Nazis während der Besetzung Frankreichs. Nach Kriegsende ging Kirszenbaum vorübergehend nach Brasilien, kehrte 1949 aber nach Frankreich zurück. Hier nahm er seine künstlerische Arbeit wieder auf und stellte auch aus. 1954 starb J.D. Kirszenbaum als französischer Staatsbürger in Paris.


In der Kirszenbaum-Ausstellung in den Fluren der Volkshochschule Weimar werden einführende Werke zu seiner polnisch-jüdischen Vergangenheit, Arbeiten aus seiner Bauhaus-Zeit, vor allem aber Karikaturen aus dem Berlin der Weimarer Republik gezeigt. Diese werden ergänzt durch Zeitzeugnisse, Fotos, Dokumentationen, Erläuterungen etc. zu den Arbeiten und zu den politischen, gesellschaftlichen und kulturpolitischen Hintergründen zur Zeit ihrer Entstehung.


J.D. Kirszenbaum ist ein herausragendes Beispiel eines verfemten Künstlers, dem eine große Zukunft im Berlin der Weimarer Republik vorausgesagt wurde, der unter der Naziherrschaft litt und dessen Schaffen nur dank des Engagements von Freunden und Einrichtungen wie dem Goethe-Institut Tel Aviv vor dem Vergessen bewahrt werden konnte.


In J.D. Kirszenbaums Biographie und in seinen Werken werden die Ideen und Möglichkeiten der Weimarer Republik, aber auch die Schrecken deren Niedergangs im Nazi-Deutschland dokumentiert.


Weimar, September 2021_RF


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Die einzige Branche, in der das Geschäft noch flutscht … !

Mit seiner Karikatur kritisiert Kirszenbaum, dass mitten in der Wirtschaftskrise von 1932 mit einer Arbeitslosenquote von 30,8 Prozent ausgerechnet die Produktion von Waffen florierte.

Geschäft

"Und wenn sich nun das Geschäft trotz Ihres Ehrenwortes nicht mit 15 % rentiert?“ – „Dann kauf ich mein Ehrenwort mit ½ % zurück."


Mehrfach thematisierte Kirszenbaum in seinen Karikaturen eine kleine gesellschaftliche Gruppe von Profiteuren, die mit zwielichtigen Mitteln ihren Gewinn aus den Krisen der Weimarer Republik zu ziehen verstanden. Die häufig abenteuerlichen Spekulationsgeschäfte führten im Oktober 1929 zum Zusammenbruch der New Yorker Börse und lösten eine Wirtschaftskrise aus, die mit zum Ende des demokratischen Systems der Weimarer Republik führte.

Abstrakte Kunst

"Die Natur ist einfach Kitsch, und ein Kerl, der sie abmalt, verursacht mir geradezu Brechreiz!"


Vor einem Bild, das an Werke des Bauhausmeisters Wassily Kandinsky (1866-1944) oder des Surrealisten Joan Miró (1893-1983) erinnert, empört sich der links stehende Kunstfreund über den „Kitsch“, den demgegenüber Naturalismus und Impressionismus abbilden, was ihm Unwohlsein bereitet. Vermutlich zielte diese Karikatur auf den Bauhausgründer Walter Gropius (1883-1969). Mit dem „betonierten Geist“ des Bauhauses, der ihm „sehr eisig“ erschien und „ohne Seele, ohne menschliche Realität“, war der jungen Künstler Kirszenbaum wegen figurativen Elementen in seiner expressionistischen Kunstauffassung in Konflikt geraten. Gropius folgte deshalb auch nicht der Anregung von Kandinsky und Klee, Kirszenbaum als Bauhausmeister mit nach Dessau zu nehmen.

Der Perverse

"Weisst du, so’n Verhältnis mit ‘ner Schaufensterpuppe wäre mein Ideal."


Männer aller sozialen Schichten hatten in den Zwanzigerjahren Probleme, sich auf die die neue rechtliche Stellung und das gewachsenes Selbstbewusstsein der Frauen in der Weimarer Republik einzustellen. Duwdiwani kommentiert das in zahlreichen Karikaturen, die sowohl Spott als auch Mitgefühl spüren lassen. Idealer als der Umgang mit seiner modisch gekleideten und sehr selbstbewusst wirkenden Begleiterin erscheint in dieser Karikatur dem eleganten Herrn in der Karikatur eine Beziehung zu einer fügsamen Schaufensterpuppe.

Köcher des Amor

„Ich würde einfach die Pinsel ins Bild pieken und die janze Chose ‚Köcher des Amor‘ taufen!“


Da der Maler im Expressionismus dem Betrachter ein Erlebnis, ein Grundgefühl mit Hilfe einer aggressiven Deformation natürlicher Formen und Strukturen bieten wollte, stellte sich nach der Erfahrung Kirszenbaums gelegentlich das Problem, die beabsichtigte Bildaussage in einen Titel zu fassen. Die Werke des Künstlers in der Karikatur erinnern an die Bilder des Bauhausmeisters Wassily Kandinsky.

„Es schwebt mir etwas in Orange vor. Dies ins Atonale umgesetzt, ergäbe einen phänomenalen Sechszeiler!“

In einer der ersten Karikaturen Duwdiwanis für den ULK im Jahr 1926 strebt ein Künstler eine expressionistische Symbiose zwischen darstellender Kunst, Musik und Poesie an. Möglicherweise handelt es sich dabei um eine Anspielung auf seinen musikbegeisterten Bauhaus-Lehrer Paul Klee (1879 – 1940), der 1921 die „Fuge in Rot“ gemalt und Gedichte geschrieben hatte. Auch der Bauhausmeister Wassily Kandinsky (1866 – 1944) experimentierte mit dem Zusammenspiel von Malerei und Musik.