Hinweis: Um die korrekte Darstellung der Seite zu erhalten, müssen Sie beim Drucken die Hintergrundgrafiken erlauben.
Vorgeschichte

Bereits im 14. Jahrhundert lassen sich Juden in Bleicherode nachweisen. Über die folgenden Jahrhunderte finden sich unterschiedliche Nachweise wie z.B. die Erwähnung von Überfällen auf reisende Juden in Bleicherode aus den Jahren 1482 und 1488. 1589 gab es bereits fünf jüdische Familien in dem Ort, welche allerdings 1593 ausgewiesen wurden. 1620 sollen für eine kurze Zeitspanne wieder einige jüdische Personen in der Stadt gelebt haben. Mit dem Anschluss der Grafschaft Hohnstein an Preußen entwickelte sich nach 1700 eine größere jüdische Gemeinde in der Stadt, so dass Bleicherode 1728 bereits 155 jüdischer Einwohner:innen zählen durfte. Erstmals erhielt ein jüdischer Einwohner 1799 die Bürgerrechte. 


Die jüdische Gemeinde Bleicherodes konnte bereits um 1660 einen Friedhof auf dem „Vogelberg“ anlegen, welcher heute als der älteste jüdische Friedhof im Landkreis Nordhausen gilt. 1728 erwarb die jüdische Gemeinde das Grundstück, auf dem heute noch etwa 220 Grabstätten vorhanden sind. Von 1725 bis 1882 durfte die jüdische Gemeinde in Bleicherode zwei Räume im Obergeschoss der Räumlichkeiten der „Alten Kanzlei“ als Betsaal und als Schule nutzen. 1791 sicherte die Eigentümerin Gräfin von Hagen der Gemeinde die dauerhafte Nutzung der Räumlichkeiten zu. Ihre für die damalige Zeit überaus aufgeklärte „judenfreundliche“ Haltung geht aus der Betitelung dieser Zusicherung hervor: „Der Judenschaft zu Bleicherode einen Beweis einer gegen sie als Mitmenschen hegenden moralischen guten Gesinnung zu geben.“



Alte Kanzlei, undatiert. (Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.) 


1880 wurde der Grundstein für eine neue Synagoge gelegt, welche aus freiwilligen Spenden der Gemeindemitglieder finanziert wurde. Am 1. Juni 1882 wurde die neue Synagoge in der Obergebraer Straße/Ecke Gartenstraße eingeweiht. 



Die 1882 eingeweihte neue Synagoge von Bleicherode, undatiert. (Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.) 



Innenansicht der Synagoge, undatiert. (Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.) 



Luftaufnahme der Stadt Bleicherode, 1938. Rechts oben ist die Synagoge zu erkennen. (Sammlung F. Wagner, Bleicherode)


Um 1900 lebten schätzungsweise 150 jüdische Personen in der Stadt, die damals etwa 3.300 Einwohner:innen hatte. Jüdische Unternehmer waren insbesondere beim Aufbau einer florierenden Textil- und Garnindustrie mit Webereien, Nähereien und Handelsvertretungen beteiligt. Zeitweise waren 90 Prozent dieser Betriebe in jüdischem Besitz. Der damit verbundene wirtschaftliche Aufschwung kam der gesamten Stadt zugute. Das gesellschaftliche Engagement der jüdischen Bevölkerung sicherte ihr einen festen Platz im städtischen Leben.


Etliche städtische Bauten gingen auf die Initiative jüdischer Bürger:innen zurück, etwa der des Schwimmbades. Auch in Vereinen sowie im Stadtrat und im Kreistag engagierten sich jüdische Bürger:innen. Insgesamt führte die jüdische Gemeinde in Bleicherode bis 1933 trotz des allgemein zunehmenden Antisemitismus ein relativ ruhiges und friedliches Leben. 


1933 zählte die jüdische Gemeinde etwa 122 Mitglieder und machte knapp 2 Prozent der Gesamtpopulation in Bleicherode aus. Ab diesem Zeitpunkt zogen zunehmend mehr jüdische Gemeindemitglieder weg oder wanderten aus. Sechs Jahre später sollte nur ein Viertel der Gemeindemitglieder in Bleicherode leben.


Am 30. Januar 1933 marschierten in Bleicherode die Nationalsozialisten anlässlich Hitlers Machtübernahme gemeinsam mit Mitgliedern des deutschnationalen Stahlhelms auf. Viele Bleicheröder:innen schlossen sich dem Zug an. 



SA und Stahlhelm marschieren anlässlich der Machtübertragung an Hitler durch Bleicherode, 30. Januar 1933. (Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.)


Zwei Monate später, am 1. April 1933, rief die NSDAP auch in Bleicherode zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. Die antisemitische Propaganda des „Volksfeindes“ trug bereits Früchte und markierte den Beginn des staatlichen Terrors gegen die jüdische Bevölkerung.



Flugblatt der NSDAP Bleicherode zum Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933. (Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.)


Am 26. April 1933 forderte die NSDAP in Bleicherode in einem Schreiben an die Parteiführung in Berlin die Einsetzung eines „Kommissars für die Webindustrie in Bleicherode“, um „im Interesse der hiesigen werktätigen Bevölkerung“ gegen die angeblich kriminellen jüdischen Webereibesitzer vorzugehen. Anfang 1934 wurde Mittelschulrektor Dr. Arthur Schnell, ein überzeugter Nationalsozialist, einstimmig zum Bürgermeister gewählt. Zugleich war er Ortsgruppenleiter der NSDAP. Er war maßgeblich für die zunehmende Ausgrenzung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung in Bleicherode verantwortlich. Ab 1939 diente er in der Wehrmacht und wurde bis zum Kriegsende durch seinen bisherigen Stellvertreter Carl Grosse ersetzt.


Die zunehmende antisemitische Propaganda führte 1935 zu einem brutalen Angriff auf einen Badegast im Bleicheröder Schwimmbad. Mehrere SA-Männer griffen einen Mann in der Annahme an, dass dieser Jude sei. Wie sich jedoch herausstellte, war der Angegriffene ein Mitglied der SS und zu Besuch bei seinen Schwiegereltern. Dieser Angriff zeigt, wie willkürlich und bereitwillig von Teilen der NS-Organisationen bereits 1935 Gewalt gegen als jüdisch identifizierte Personen verübt wurde. 


Im März 1935 erstattete der Vorstand der Synagogengemeinde Bleicherode bei der Polizei Anzeige gegen mehrere Schüler, die wiederholt Scheiben der Synagoge eingeworfen hatten. Ob die Polizei gegen die Schüler ermittelte, ist nicht bekannt. 


Die zunehmenden Einschränkungen für die jüdische Bevölkerung Bleicherodes führten dazu, dass es immer schwieriger wurde, sich untereinander zu treffen. Mitgliedern der jüdischen Familie Schwed gelang es jedoch, eine Erlaubnis für den Betrieb einer Gaststätte in den Geschäftsräumen des Familienvaters im Hinterhof eines Hauses in der Bahnhofsstraße zu bekommen. Dieses durfte nur von jüdischen Einwohnern besucht werden und die Beschäftigung von „deutschblütigem“ Personal war strikt verboten. Die Gaststätte erhielt den Namen „Cafe Schwed“ und war bis März 1939, als die Familie Schwed in die USA ausreiste, ein wichtiger Treffpunkt für die jüdische Gemeinde. 


Allerdings lebten immer weniger Jüdinnen und Juden in Bleicherode. Zwischen 1933 und 1939 verließen fast zwei Drittel der jüdischen Einwohner:innen die Stadt. Teils zogen sie in größere Städte, teils flohen sie ins Ausland. Im Herbst 1938 lebten noch rund 60 von den Nationalsozialisten als jüdisch eingestufte Menschen in der Stadt.



Zusammenkunft im Café Schwed, September 1937. (Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.)

Die Ereignisse im November 1938

In der Nacht vom 9. November auf den 10. November 1938 zogen die Bleicheröder Nationalsozialisten durch die Stadt und zerstörten Schaufenster jüdischer Geschäfte. Gegen 2:30 Uhr am 10. November steckten sie die Synagoge in der Obergebraer Straße/ Ecke Gartenstraße in Brand. Das Gotteshaus brannte unter den Augen vieler Anwohner:innen vollständig nieder. Die Lokalzeitung in Bleicherode erwähnte die Geschehnisse in der Stadt mit keinem Wort, die Gründe dafür sind nicht bekannt.




Der brennende Dachstuhl der Synagoge in Bleicherode in den frühen Morgenstunden des 10. November 1938.
(Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.)



Die Ruine der niedergebrannten Synagoge nach der Pogromnacht, November 1938. (Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.)


Laut Polizeibericht vom 10. November 1938 habe sich die Brandbekämpfung auf die angrenzenden Häuserzüge konzentriert, da eine „unmittelbare Bekämpfung des Brandherdes nicht möglich“ gewesen sei. Weiter heißt es in dem Bericht: 


Im Zusammenhang mit diesem Brand tauchte bei der Polizei die Vermutung auf, dass Einzelaktionen oder Ausschreitungen gegen die hier zahlreich wohnhaften Juden eintreten könnten […] Da nun zu verhüten, dass der Brand des Tempels Auftakt zu nächtlich unkontrollierbaren Aktionen gegen Juden darstellen würde, wurden die Inschutzhaftnahme der männlichen Juden bis zum 60. Lebensjahr angeordnet. Die Inschutzhaftnahme wurde zur Verhütung von Übergriffen dergestalt durchgeführt, dass die Polizei gemeinschaftlich mit der sofort alarmierten P.L. SS.SA. [politische Leiter, SS und SA] eingesetzt wurde“. 



Bericht von Polizeimeister Emil Kramer, 10. November 1938 (S. 1 von 2). (Thür. Staatsarchiv Gotha) 


In einem Bericht des Landrates des Kreises Grafschaft Hohenstein an den Regierungspräsidenten in Erfurt werden die brutalen Übergriffe in der Nacht wie folgt geschildert:


„Der feige Mordüberfall des Juden Grynspan in Paris auf den deutschen Gesandschaftsrat von Rath hat unter der Bevölkerung des Kreises eine große Erregung ausgelöst. Als nun gestern abend bekannt wurde, daß von Rath seinen Verletzungen erlegen ist, machte sich die Erregung der Bevölkerung durch spontane Demonstrationen und Aktionen Luft. Die Volksgenossen zogen vor die Häuser der in den Orten Bleicherode und Ellrich wohnhaften Juden, zerschlugen Schaufenster, Türen und Fensterscheiben. Etwa zu gleicher Zeit ging in Bleicherode die jüdische Synagoge in Flammen auf […] Da weitere größere Gewalttätigkeiten zu befürchten waren, insbesondere das Leben der Juden bedroht war, sahen sich die Bürgermeister als Ortspolizeibehörde dieser Orte gezwungen, die daselbst wohnenden Juden durch die Polizeibeamten in Schutzhaft nehmen zu lassen. Nach Benehmen mit der Staatspolizeistelle wurde Weisung getroffen, daß von den Inhaftierten sämtlichen weiblichen Familienangehörige und sämtliche Kinder sowie männliche Personen im Alter von über 60 Jahren wieder auf freien Fuß gesetzt wurden […]. Ortsabwesend waren z. Zt. Der Durchführung der Maßnahmen sieben männliche Juden unter 60 Jahren. In Bleicherode trat nach Durchführung der Haftmaßnahme sofort wieder Ruhe ein. Die Durchführung der Schutzhaftmaßnahme geschah im engsten Einvernehmen mit den Parteidienststellen. Zu Plünderungen und sonstigen Ausschreitungen ist es in keinem Falle gekommen.“


(Lagebericht des Landrates des Kreises Grafschaft Hohenstein, 10. November 1938, Thür. Staatsarchiv Gotha)


Zwölf jüdische Männer holten die Täter mit Gewalt aus ihren Häusern und brachten sie zur Polizeiwache. Dort wurden Sie auf LKWs der Bleicheröder Speditionsfirma „Franz Matern“ geladen, welche die Gefangenen gegen 6:30 Uhr am Morgen des 10. November 1938 in das Konzentrationslager Buchenwald transportierten. Besagte Firma stellte wenige Tage später eine Rechnung an den Landrat des Kreises und ließ sich die „entstandenen Kosten der Überführung der festgenommenen Juden in das KL. Buchenwald“ in Höhe von 210,80.- RM von der Regierungs-Hauptkasse in Erfurt erstatten. 


Auch den in direkter Nachbarschaft der Synagoge lebenden 67-jährigen Samuel Lewitz und seine nichtjüdische Pflegetochter Frieda Nolte brachten die Täter zur Polizeiwache. Dort wurden sie befragt und schikaniert, später jedoch freigelassen. 



Aufstellung des Bleicheröder Bürgermeisters Dr. Arthur Schnell der am 10. November 1938 in „Schutzhaft“ genommenen Bleicheröder Juden, 10. November 1938. (Thür. Staatsarchiv Gotha)


Wie willkürlich die Täter in der Pogromnacht handelten, zeigt sich am Überfall eines SA-Trupps auf die Wohnung der Familie Strupp in der Hauptstraße 95. Dort zerrten die Täter den 11-jährigen Hans-Adolf und die 9-jährigen Zwillinge Günter und Werner aus ihren Betten und schleppten sie zur Polizeiwache. Einer der beteiligten SA-Männer war der Lehrer der drei Jungen. Entgegen dem Befehl von Gestapo-Chef Heydrich, nur erwachsene Männer zu verhaften, planten die Täter, die drei Jungen auf einen bereitgestellten Lastkraftwagen zu verladen und nach Buchenwald bringen zu lassen. Nur dem Mut der Haushälterin der Familie Strupp, Agnes Gaspari, ist zu verdanken, dass das nicht geschah. Sie riss die drei Jungen vom Wagen und überzeugte die SA-Männer, die Jungen laufen zu lassen. Sie war es auch, die das Ehepaar Strupp telefonisch warnte, woraufhin beide in Nordhausen untertauchten. So konnte der Vater Fritz Strupp der Internierung in Buchenwald entgehen. Familie Strupp schaffte es noch im selben Jahr, nach Argentinien zu emigrieren und überlebte so die Shoa. 


Wie ein kommunaler NS-Beamter den Pogrom wahrnahm, zeigt der Lagebericht, den Bürgermeister Dr. Arthur Schnell in seiner Funktion als Vorgesetzter der Ortspolizeibehörde zehn Tage nach dem Pogrom an den Landrat sandte. Darin schreibt er, dass die Bevölkerung „im allgemeinen die Aktion für etwas [hält], das einmal notwendig war, um dem Unwillen des deutschen Volkes sichtbaren Ausdruck zu geben. Abgelehnt hingegen wird ebenso allgemein alles, was mit Plünderung, Terrorakten und Brutalität gegen Menschen zusammenhängt“. Weiter wird von einer „auffallenden Uninteressiertheit der Bevölkerung“ in der Pogromnacht berichtet und beschrieben, dass sich zwar der „größte Teil der Zuschauer beim Synagogenbrand […] in den frühen Morgenstunden wieder nach Hause begeben“ hätte, gewisse Teil der Bevölkerung jedoch „die ganze Aktion zu einer Sensation und zur Befriedigung ihrer Lüsternheit machten“. Aufschlussreich über die teils ambivalente Stimmung der Bevölkerung Bleicherodes im Jahr 1938 sind darüber hinaus Erwähnungen von Aussagen wie etwa „Ob das der Führer will?“, welche beim Brand der Synagoge gefallen seien sollen. 



Lagebericht von Bürgermeister Schnell an den Landrat des Kreises Grafschaft Hohnstein, 19. November 1938. (Kreisarchiv Nordhausen)


Am 2. März 1939 hielt Bürgermeister Dr. Schnell in einer Notiz fest: „Als Ausdruck des gerechten Vergeltungswillens unserer Volksgenossen ging in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 die Synagoge in Flammen auf. Damit wurde die Judenfrage auch in Bleicherode praktisch gelöst.“ (Kreisarchiv Nordhausen)

Folgen

Die Synagoge brannte in der Pogromnacht vollständig aus. Ihre Ruine sollte zunächst auf Kosten der dezimierten Synagogengemeinde abgerissen werden. Jedoch übernahm die Stadt Bleicherode die Abrisskosten und verrechnete diese mit dem Kaufpreis des Synagogengrundstückes, welcher auf gerade einmal 2,60 Reichsmark pro Quadratmeter festgelegt wurde. Die Vorstandsmitglieder der jüdischen Gemeinde Walter Schlesinger und Alfred Herzfeld zwang man im Mai 1939, dem „Kaufvertrag“ zuzustimmen und das Grundstück der Synagoge der Stadt Bleicherode zu überschreiben, ohne irgendeine Gegenleistung dafür zu erhalten. 



Ausgebrannte Ruine der Bleicheröder Synagoge, undatiert (vermutlich Sommer 1939). (Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.)



Aufstellung des Bürgermeisters von Bleicherode über die Kosten für den Abbruch der Synagoge in Bleicherode, 15. Mai 1939. (Kreisarchiv Nordhausen)


Nach der Pogromnacht ging die öffentliche antisemitische Hetze weiter. In der Bleicheröder Zeitung fanden sich Schlagzeilen wie „Kreis der Judenfeinde wird größer“, „Wohin mit den Juden“ oder „Die Ausschaltung der Juden. Kredite für schnelle Arisierung im Einzelhandel und Handwerk“. 


Formal hörte die Synagogengemeinde in Bleicherode am 10. Dezember 1938 auf zu existieren, da das „Repräsentantenkollegium“ nach der Auswanderung seiner Mitglieder nicht mehr bestand. Die Gemeinde wurde umbenannt und als „Jüdischer Ortsverband“ weitergeführt. Damit folgte die ehemalige Synagogengemeinde einer an sie gerichteten Anordnung der Behörden, die sie zudem anwiesen, die verschiedenen jüdischen Vereine in Bleicherode aufzulösen.


Bürgermeister Dr. Schnell beschrieb die Vorgänge in Bleicherode nach der Pogromnacht in seinem Lagebericht an den Landrat wie folgt: 


„Der Dezember stand ganz im Zeichen der Arisierungen bzw. Liquidierungen des jüdischen Besitzes. Es ist anzunehmen, dass bis zum 31. d.M. diese Vorgänge abgeschlossen sein werden. Neben vernünftigen kaufmännischen Handlungen haben sich dabei auch sehr viel unerwünschte Begleiterscheinungen gezeigt: Beim Kauf jüdischer Häuser haben sich Volksgenossen wiederholt zu überbieten und übervorteilen gesucht und haben dadurch zuweilen wenig Würde gezeigt […] Ein Volksgenosse, der mitten in diesem Prozess des Bietens und Überbietens stand, gebrauchte als passenden vergleich das Bild von den sich um einen vorgeworfenen Knochen beißenden Hunden, um damit das wenig würdevolle Verhalten einzelner Volksgenossen zu kennzeichnen“



 


Hier wird deutlich, dass die vollständige „Arisierung“, der Raub jüdischen Eigentums in Bleicherode, schnell und kompromisslos bereits zum Ende des Jahres 1938 abgeschlossen sein sollte. Zudem lässt der Bericht ahnen, wie bereitwillig sich nichtjüdische Bleicheröder:innen am Eigentum ihrer jüdischen Mitbürger:innen bereicherten.


Dazu trug auch der Druck bei, der auf die in das KZ Buchenwald verschleppten zwölf jüdischen Männer aus Bleicherode ausgeübt wurde. Die SS trug ihnen auf, sich um „Arisierungsangelegenheiten“ und ihre Auswanderung zu kümmern. Im Gegenzug wurden sie entlassen. In den meisten Fällen lag der veranschlagte Verkaufswert bei der „Arisierung“ ihrer Geschäfte und Unternehmen weit unter dem eigentlichen Wert. 


Die restliche Bewegungsfreiheit der jüdischen Einwohner:innen wurde zunehmend eingeschränkt, um Kontakte zu nichtjüdischen Deutschen zu minimieren. Ab September 1939 durften sie nur noch in sieben festgelegten Geschäften in Bleicherode einkaufen, und das nur zu festgelegten Zeiten für jeweils 30 Minuten. In seinem Lagebericht an den Landrat in Nordhausen vom 21. September 1941 hielt Bürgermeister Dr. Schnell lapidar fest: „Die Juden sind in der Wirtschaft ausgeschaltet.“


Zwischen 1933 und der Pogromnacht 1938 wanderten vermutlich 39 und bis Mai 1940 weitere 63 Jüdinnen und Juden aus Bleicherode ins Ausland aus. 1940 lebten noch rund 20 Jüdinnen und Juden in Bleicherode. Das Ende der jüdischen Gemeinde in Bleicherode kam 1942. Anfang Mai 1942 ließ die Gestapo Mary Herzfeld, Hedwig Katz (geb. Goldschmidt), Grete Schwabe und Rosa Schwabe (geb. Bloch) über Weimar in das Ghetto von Bełżyce im Distrikt Lublin im besetzen Polen deportieren. Vermutlich überlebte keine von ihnen. 


Im September 1942 lebten nur noch 9 Personen jüdischen Glaubens in Bleicherode. Sieben von ihnenmussten am 19. September 1942 Bleicherode verlassen. Bertha Goldschmidt, Alfred Herzfeld, Selma Katz, Samuel Lewitz, David Rosenbaum, Selma Rosenbaum und Max Wels, alle schon über 60 Jahre alt, wurden von Weimar mit dem Transport XVI/1 ins Ghetto von Theresienstadt deportiert. 



„Fahrplan“ des Deportationstransportes nach Theresienstadt am 19. September 1942. (Thür. Staatsarchiv Gotha)


Die perfide und skrupellose Ausbeutung und Plünderung der Juden durch das NS-Regime zeigt sich nicht zuletzt in den sogenannten „Heimeinkaufverträgen“, welche auch die im September 1942 deportierten Bleicheröder Jüdinnen und Juden unterschreiben mussten. Diese Verträge suggerierten den älteren Juden eine lebenslange kostenfreie Unterbringung, Verpflegung und Krankenversorgung in Theresienstadt. 




„Abschiebung nach Theresienstadt“: Schreiben des Finanzamtes an den Bürgermeister von Bleicherode, 3. Oktober 1942 (Vorder- und Rückseite). (Kreisarchiv Nordhausen)


Ab Juli 1942 hatte die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland die Mittel für alle in Theresienstadt untergebrachten Personen aufzubringen. Daher mussten insbesondere diejenigen, die Vermögen besaßen, nicht nur für ihre eigene Unterbringung aufkommen, sondern auch Mittel für die vermeintliche Versorgung „Hilfsbedürftiger“ zur Verfügung stellen. Davon waren alle Personen betroffen, die ein Vermögen über 1000 RM besaßen. 


Das Finanzamt Nordhausen wies den Bürgermeister von Bleicherode im Oktober 1942 an, wie mit den Wohnungen der nach Theresienstadt Deportierten zu verfahren sei:  „Irgendwelche Veränderungen an den Wohnungen und Häusern dürfen nicht vorgenommen werden. Die Vorarbeiten werden hier beschleunigt durchgeführt, so daß unmittelbar nach Eingang der Verfallerklärung mit der Verwertung des Vermögens und der Freimachung der Wohnungen begonnen werden kann.


Tatsächlich starben die meisten nach Theresienstadt Deportierten schon in den ersten Monaten an den Folgen von Hunger, Kälte und Krankheiten. Und selbst diese betrügerische Ausplünderung war durch die Nazis im „Heimeinkaufvertrag“ abgesichert. Darin war unter Paragraf 6 b festgelegt: „Ein Rechtsanspruch auf Rückzahlung dieser Beträge besteht auch beim Tode des Vertragspartners oder bei einer Aufhebung des Vertrages aus sonstigen Gründen nicht“. So erbeutete das NS-Regime allein durch die Heimeinkaufverträge der im September 1942 deportierten Bleicheröder Jüdinnen und Juden über 100.000 Reichsmark. Von ihnen überlebte nur Max Wels das Ghetto Theresienstadt. Er wurde Anfang 1943 in das KZ Auschwitz deportiert und dort 1944 ermordet.  


Mit den Eheleuten Frühberg lebten im Herbst 1942 nur noch zwei Menschen jüdischen Glaubens in Bleicherode. Im März 1943 sollten auch sie deportiert werden, wurden aber kurz zuvor vom stellvertretenden Landrat Walter Ide gewarnt und tauchten unter. Nach der Denunziation einer Bleicheröderin wurden sie jedoch im September 1944 verhaftet und in das Konzentrations- und Vernichtungslager Ausschwitz deportiert. Hedwig Frühberg starb im März 1945 im KZ Bergen-Belsen. Dr. Hans Frühberg überlebte und wurde im Januar 1945 in Ausschwitz von der Roten Armee befreit.


Insgesamt überlebten mindestens 51 gebürtige oder länger in Bleicherode wohnhaft gewesene jüdische Bürger:innen die Shoah nicht.

Biographien

Familie Frühberg


Bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts lebte die Familie Frühberg in Bleicherode. Im 19. Jahrhunderts gründete sie eine florierende Privatbank. Selmar Frühberg (1865-1921) und seine Frau Toni Helft (1871-1934) errichteten eine Wohnvilla und ein Geschäftshaus in der Obergebraer Straße 15, gegenüber der Synagoge. Hier wuchs Dr. Hans Josef Frühberg, geboren 1893, auf. Im Ersten Weltkrieg diente er als Offizier an der Front. Nach dem Krieg studierte er und promovierte an der Universität Gießen mit einer Arbeit über die Textilindustrie in der Grafschaft Hohenstein. Anschließend war er im elterlichen Bankhaus tätig.


Hans Frühberg nahm viel Anteil am öffentlichen Leben seiner Heimatstadt. Er war Mitglied im Schützenverein und aktiv in der Synagogengemeinde. Nach dem Ableben seiner Mutter 1934 heiratete er Hedwig (genannt Hedda) Wormser (geb. 1908). Sie hatte einen jüdischen Vater und eine nichtjüdische Mutter und war christlichen Glaubens.



Verlobungsanzeige von Hans Frühberg und Hedda Wormser in der Central Verein Zeitung, 26. Juli 1934.



Hans und Hedwig Frühberg, 1935 (Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.)


Viele Bleicheröder waren langjährige Kunden des Bankhauses Frühberg, so auch viele Anhänger der Nationalsozialisten. Einige NSDAP-Mitglieder versuchten trotz der Situation weiterhin Kredite des Bankhauses zu erwerben, auch wenn das Bankgeschäft unter dem Boykott wirtschaftliche Schäden erlitt. 


In der Pogromnacht 1938 wurde Hans Frühberg nicht verhaftet, weil er sich nicht in der Stadt befand, nachdem man ihn aufgefordert hatte, am 10. November zu einer Besprechung beim Reichskommissar für das Kreditwesen in Berlin zu erscheinen. Hier teilte man ihm mit, dass er sein Bankgeschäft an einen Nichtjuden zu übertragen habe. Da er dies ablehnte, wurde er gezwungen, die Firma zu liquidieren. Von nun an musste das Ehepaar Frühberg von seinen Rücklagen leben.


Hans und Hedwig Frühberg emigrierten nicht, weil sie sich bis zuletzt nicht vorstellen konnten, dass die Nationalsozialisten dem ehemaligen Frontoffizier und seiner „halbjüdischen“ Ehefrau christlichen Glaubens etwas antun würden. Doch darin täuschten sie sich. Bald wurde ihr Wohnraum immer mehr eingeengt, so dass das Paar zuletzt nur noch in den Dachräumen seines Hauses lebte. Der für den 1. März 1943 angesetzten Deportation in das KZ Auschwitz entging das Ehepaar, in dem es untertauchte, nachdem es vom stellvertretenden Landrat Walter Ide vorab gewarnt worden war. 


Trotz reichsweiter Fahndung gelang es den beiden zunächst, sich im Haus eines befreundeten Notars in Hannover verstecken. Später lebte Hedwig Frühberg in Illegalität bei ihrer nichtjüdischen Mutter in Hannover; Hans Frühberg gelang es, unter falschem Namen als Hilfsarbeiter in einem Heizungsbetrieb in Hannover und als Landarbeiter auf einen Bauernhof in Weferlingen unterzukommen.



Bescheinigung des Landwirtes Heinrich Ebeling über den heimlichen Aufenthalt von Hans Frühberg auf seinem Hof im Frühjahr und Sommer 1944, 10. Dezember 1949. (Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.)


Im April 1944 erkannte die Bleicheröderin Anna Könnecker Hans Frühberg in einem Luftschutzkeller bei Salzgitter und meldete dies der Polizei in Bleicherode. Nach intensivier Fahndung nahmen Gestapo-Beamte Anfang August 1944 Hedwig Frühberg in Hannover und Hans Frühberg auf seiner Arbeitsstelle in Weferlingen fest und brachte sie in das Gestapo-Gefängnis Hardenbergstraße in Hannover. Für ihren „wertvollen Fingerzeig“ erhielt Frau Könnecker einen persönlichen Dank des Leiters der Gestapo-Dienststelle in Nordhausen.


Nach zwei Wochen Haft in Hannover überstellte die Gestapo das Ehepaar in das Gestapo-Gefängnis in Erfurt. Von dort wurden beide Anfang September 1944 in das KZ Auschwitz eingewiesen. Von dort aus deportierte die SS Hedwig Frühberg im Oktober 1944 in das KZ Bergen-Belsen, wo sie vermutlich am 15. März 1945 im Alter von erst 37 Jahren an den Folgen von Hunger und Auszehrung starb.


Ihr Ehemann überlebte Ausschwitz und wurde dort am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit. Im Juli 1945 kehrte er nach Hannover zurück. In mehreren Restitutionsverfahren versuchte er, sein gestohlenes Eigentum zurückzubekommen, hatte damit aber nur teilweise Erfolg. Der ehemals wohlhabende Bankier lebte nun als unselbständiger Steuerprüfer von landwirtschaftlichen Unternehmen und später als Bankangestellter. In seine in der DDR liegende Heimatstadt Bleicherode kehrte er aus politischen Gründen nicht zurück. Hans Frühberg starb im Alter von 95 Jahren am 28. Mai 1988 in Celle – nicht weit entfernt vom früheren KZ Bergen-Belsen, in dem seine Frau Hedwig 43 Jahre zuvor verhungert war.



Dr. Hans Frühberg, nach 1945. (Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.)


Familie Lewitz


Samuel Lewitz wurde 1871 in Budzyn geboren, welches zur damaligen Zeit zur preußischen Provinz Posen und nach dem Ersten Weltkrieg zu Polen gehörte. Samuel Lewitz lernte zunächst bei seinem Vater das Bäckerhandwerk und absolvierte dann in Plauen im Vogtland eine Kaufmannslehre. Anschließend wechselte er als kaufmännischer Angestellter in das Unternehmen von Michaelis Herzfeld in Bleicherode. 1902 heiratete er dessen Tochter Margarethe (geb. 1876). Im selben Jahr kam ihre gemeinsame Tochter Felicia (genannt Lissy) zur Welt. 


Bald darauf machte Samuel Lewitz sich erfolgreich als Textilgroßhändler selbstständig und kaufte ein Haus in der Obergebraer Straße 74. Das Haus trug später den Namen „Villa Margarethe“ und befand sich in unmittelbarer Nähe zur Synagoge und zur Villa des Ehepaars Frühberg. Im Jahr 1913 nahmen die Eheleute Lewitz die 14-jährige Halbwaise Frieda Nolte (1898-1963) aus Obergebra als Haushaltshilfe bei sich auf. Es entwickelte sich ein familiäres Verhältnis zwischen Frieda und der Familie und eine enge Bindung mit der Tochter Lissy. 


Im Ersten Weltkrieg war Samuel Lewitz Frontsoldat und wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Die Eheleute Lewitz waren angesehene Bürger der Stadt und beteiligten sich am öffentlichen Leben. So war Samuel Lewitz Mitglied der Schützenkompanie und der Synagogengemeinde Bleicherodes. Als Lissy Lewitz1920 im Alter von erst 18 Jahren starb, entschied sich Frieda Nolte gegen ihre bevorstehende Hochzeit und blieb bei Familie Lewitz, um sie in ihrem Leid nicht allein zu lassen. 



Samuel und Margarethe Lewitz mit Frieda Nolte (rechts), 1920er Jahre. (Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.)


Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten musste Samuel Lewitz seine Großhandelsfirma aufgeben. 1936 wurde er zum Vorsteher der Synagogengemeinde gewählt. Eine schwere Herzkrankheit von Margarethe Lewitz verhinderte die Emigration. Sie starb am 23. Oktober 1938, kurz vor der Pogromnacht. 


In der Nacht auf den 10. November 1938 drangen die Täter in die nur wenige Meter von der brennenden Synagoge entfernt befindliche Villa Margarethe ein und verschleppten Samuel Lewitz und Frieda Nolte auf die Polizeiwache, wo sie verhört und erniedrigt wurden. Weil er bereits 67 Jahre alt war, wurde Samuel Lewitz nicht in das KZ Buchenwald eingewiesen und wurde wie auch Frieda Nolte wieder entlassen. Trotz vieler Anfeindungen wohnte Frieda Nolte weiterhin bei ihrem Ziehvater. Im Februar 1939 übertrug dieser ihr das Haus per Schenkungsvertrag samt allem Zubehör. 


Nach Kriegsbeginn versorgte die Pflegetochter Samuel Lewitz, indem sie Wäsche gegen Lebensmittel tauschte. Darüber hinaus versuchte sie auch anderen jüdischen Einwohnern Bleicherodes zu helfen, indem sie nachts Töpfe mit zubereitetem Essen in das Kellerfenster des Hinterhofs stellte. Dies konnten sich jüdische Freund:innen und Bekannte dort abholen. 


Bis zu ihrer Deportation am 10. Mai 1942 lebten Rosa und Grete Schwabe in einem Anbau auf dem Grundstück Lewitz. Am 19. September 1942 wurde auch Samuel Lewitz deportiert. Für seine Unterbringung im Ghetto Theresienstadt musste er einen „Heimeinkaufvertrag“ abschließen und dem Deutschen Reich 74.022, 21 RM zahlen. 



„Heimeinkaufverträge“ von Jüdinnen und Juden für die Unterbringung im Ghetto Theresienstadt, September 1942. Unter der laufenden Nummer 515 ist Samuel Lewitz aufgeführt. (Arolsen Archives)


Aus dem Ghetto Theresienstadt ist ein Brief erhalten geblieben, den Samuel Lewitz Mitte November 1942 an seine Pflegetochter richtete. Darin heißt es: „Freue mich Ihnen heute wieder ein Lebenszeichen von mir senden zu können und kann Ihnen mitteilen, dass wir alle wohlauf sind. Hoffe auch Sie auf dem Posten und recht bald von Ihnen Nachricht zu erhalten. Denke viel an die Verwandten und erhoffe das Beste für Sie und uns.“



Brief von Samuel Lewitz an Frieda Nolte aus dem Ghetto Theresienstadt, 18. November 1942.  (Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.)


10 Monate nach seiner Deportation, am 29. Juli 1943, starb Samuel Lewitz im Alter von 72 Jahren an den Folgen von Hunger und Entbehrungen in Theresienstadt. In der Todesfallanzeige der von der SS eingesetzten Ghettoverwaltung ist als Todesursache eine Herzkrankheit angegeben. 



Todesfallanzeige der Ghettoverwaltung in Theresienstadt für Samuel Lewitz, 29. Juli 1943. (Institut Terezínské)


Frieda Nolte hielt Samuel Lewitz bis zuletzt die Treue. Sie lebte weiterhin im Haus Lewitz, musste sich aber auf zwei Zimmer beschränken, weil die NS-Verwaltung den Rest des Hauses an andere Bewohner:innen vergab.


Nach dem Ende des Nationalsozialismus erhielt Frieda Nolte keinerlei Ehrung für ihr selbstloses Verhalten. Als sie im Jahr 1983 starb, konnte ihrem Wunsch, in der Grabstätte ihrer Jugendfreundin Lissy Lewitz auf dem jüdischen Friedhof in Bleicherode beigesetzt zu werden, nicht entsprochen werden. 


Familie Herzfeld


Alfred Herzfeld wurde 1865 in Bleicherode geboren. Sein Vater betrieb eine Weberei, die sich samt Wohnhaus und einem Textilgroßhandel in der Hauptstraße 66 befand. Nach Schule und Ausbildung führte Alfred Herzfeld das elterliche Unternehmen fort. Zudem engagierte er sich im Vorstand der Synagogengemeinde. Mit seiner Frau Alma (geb. Rothenberg) hatte er drei Kinder: Mary, Ilse und Karl. 



Alfred Herzfeld, undatiert (um 1920). (Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.)


Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verschlechterte sich die Lebenssituation der Familie Herzberg zusehends. 1936 starb Alma Herzberg im Alter von 69 Jahren. Die Tochter Ilse Herzfeld emigrierte 1938 nach Argentinien, Sohn Karl Herzfeld ein Jahr später in die USA. Alfred Herzfeld und seine Tochter Mary blieben in Bleicherode zurück.



Karl, Ilse und Mary Herzfeld, undatiert. (Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.)


Am 10. Mai 1942 wurde Mary Herzfeld zusammen mit drei weiteren Jüdinnen aus Bleicherode über Weimar in das Ghetto Bełżyce im besetzten Polen deportiert. Dort verliert sich ihre Spur. Nach diesen Deportationen versuchte die Stadtverwaltung, Zugriff auf das nun nur noch von Alfred Herzfeld bewohnte Haus zu bekommen und diesen zu veranlassen, in das Haus von Samuel Lewitz zu ziehen. Doch im September 1942 wurden diese Bemühungen hinfällig, als der Bescheid für Alfred Herzfeld und Samuel Lewitz zur Deportation nach Theresienstadt eintraf.



„Durch die Evakuierung der Juden sind hier Räume freigeworden.“ Schreiben der Stadtverwaltung Bleicherode an den Landrat des Kreises Grafschaft Hohenstein, 15. Mai 1942. (Kreisarchiv Nordhausen) 


Kurz vor seiner Deportation schrieb Alfred Herzfeld am 8. September 1942 einen Abschiedsbrief an seinen Freund Carl Holzapfel, welchen er wegen des bestehenden Verbotes nicht treffen persönlich durfte:


Lieber Carl! 


Heute erfahre ich, welch schwerer Verlust Dich und deine liebe Frau durch den Heldentod von Carlchen betroffen hat. Es tut mir weh, dass ich mein Beileid nicht persönlich aussprechen kann, um dir die Hand zu drücken, aber es geht nicht und ich muss mich fügen, so leid es mir tut. Ich wünsche Deiner 1. Frau und Dir, dass Ihr an Euren verbleibenden beiden Kindern recht viel Freude erleben möget und Ihr vor weiteren Schicksalsschlägen bewahrt bleibt. Ich muss nun auch abreisen, meine drei Kinder sind fort und nun komme ich an die Reihe. Wir werden uns nicht wiedersehen und so rufe ich dir ein herzliches „Lebewohl“ zu, mit der Bitte, mich nicht zu vergessen. Ich werde immer an die früher gemeinsam verlebte Zeit denken und das wird der einzige Lichtblick in dem Geschick sein, das mich nun betreffen wird, denn von meinen Kindern werde ich nichts wieder hören. Bleibe mit Deiner Familie gesund, das ist mein aufrichtiger Wunsch.


In alter Freundschaft Dein Alfred Herzfeld


(Abschiedsbrief von A. Herzfeld an Carl Holzapfel, 8. September 1942, Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.)


Wenige Tage später, am 19. September 1942, wurden der 69-jährige Alfred Herzfeld und der 77-jährige Samuel Lewitz über Weimar nach Theresienstadt deportiert. Die insgesamt 877 aus Mitteldeutschland deportierten Menschen trafen am 20. September 1942 im Ghetto Theresienstadt ein. Alfred Herzfeld starb dort, wie viele andere, aufgrund der Mangelversorgung und der unmenschlichen Bedingungen am 16. März 1943.


Keine drei Wochen nach Herzfelds Tod übertrug der Reichsminister für Finanzen sein Anwesen unentgeltlich an die Stadt Bleicherode. 

Justizielle Ahndung

Nach 1945 wurde gegen keinen der Täter, die an der Pogromnacht in Bleicherode beteiligt gewesen waren, strafrechtlich vorgegangen. Die Verbrechen von Tätern wie dem Bürgermeister Dr. Arthur Schnell und seinem Stellvertreter Carl Grosse blieben ungestraft. Allerdings ging die sowjetische Besatzungsverwaltung gegen einige ehemalige NS-Beamte Bleicherodes vor, internierte sie kurzzeitig und enthob sie im Anschluss ihrer Ämter.


Einzig gegen die Bleicheröderin Anna Könnecker, die das Ehepaar Frühberg im April 1944 denunziert hatte, wurde ein Strafverfahren geführt. Das Landgericht Erfurt verurteilte sie 1949 zu einer Zuchthausstrafe von sechs Jahren


Darüber hinaus fanden einige Restitutionsverfahren von Dr. Hans Frühberg sowie einigen emigrierten Verwandten der ermordeten Bleicheröder Juden statt. Einige waren von Erfolg gekrönt, andere endeten mit Vergleichen oder die Geschädigten konnten ihre Ansprüche, aus unterschiedlichsten Gründen, nicht gelten machen. Häufig erschwerten bürokratische Regularien oder individuelle Faktoren die rechtlich legitimen Restitutionsforderungen der Betroffenen.

Spuren und Gedenken

Die Ruine der 1938 niedergebrannten Synagoge wurde bereits während des Krieges oder in den 1950er Jahren abgetragen. Seither ist das Grundstück eine Rasenfläche. 1986 wurde auf der Fläche ein erster Gedenkstein mit folgender Inschrift aufgestellt: „Hier stand die Synagoge der jüdischen Gemeinde Bleicherode. Sie wurde in der Pogromnacht am 9. November 1938 von Faschisten niedergebrannt“.


2008 wurde das Denkmal durch einen neuen Gedenkstein mit der folgenden Inschrift ersetzt: „Zum Gedenken an die Synagoge der jüdischen Gemeinde der Stadt Bleicherode, die in der Reichspogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 von Nationalsozialisten in Brand gesteckt wurde. Diese verbrecherische Tat mahnt: ‚Wehret den Anfängen‘.“


Am Rande des Grundstücks verweist eine Infotafel auf die Geschichte der Synagoge.



Gedenkstein am Standort der 1938 niedergebrannten Synagoge, 2023. Neben dem Denkmal liegen zwei Originalsteine der ehemaligen Synagoge. Ein dritter aufgefundener Stein ist in der Ausstellung zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Bleicherode in der Alten Kanzlei ausgestellt. (alemannia-judaica)


Der jüdische Friedhof in Bleicherode ist die älteste noch erhaltene jüdische Begräbnisstätte im Landkreis Nordhausen. Die erste Beisetzung fand 1728, die letzte 1938 statt. Nach 1945 wurde der verwüstete Friedhof wieder in einen würdigen Zustand versetzt. 227 Grabstellen und 194 Grabsteine sind erhalten geblieben. Sie sind nicht, wie sonst üblich, nach Osten ausgerichtet, sondern nach Norden – in Richtung der ehemaligen Gebetsstätte in der „Alten Kanzlei“. 



Jüdischer Friedhof am Vogelberg/Schustergasse, Juni 2023. (Foto: D. Dias de Oliveira)



Infotafel am jüdischen Friedhof, 2023. (Foto: D. Dias de Oliveira)


Leider wurde der jüdische Friedhof immer wieder Opfer von Schändungen verschiedener Art, allein zwischen 1970 und 1995 zehn Mal. Dabei wurden Dinge wie Buntmetalle gestohlen und mit brachialer Gewalt entfernt und insgesamt über 120 Grabsteine umgeworfen oder zerstört. Das Areal ist heute denkmalgeschützt und darf nur nach Absprache, gemäß jüdischer Bekleidungsvorschriften betreten werden.


Auch die meisten Häuser, die einst von jüdischen Einwohner:innen Bleicherodes erbaut wurden, stehen heute noch und prägen das Stadtbild. Leider sind manche in keinem guten Zustand. Die „Villa Frühberg“ hingegen steht unter Denkmalschutz und wird wieder bewohnt. Das Wappen „SF“ (Selmar Frühberg) an der rechten Seite der Villa ist nach wie vor vorhanden und deutlich erkennbar. Die Villa ist ein Zeugnis des früheren Wohlstands der Familie Frühberg und anderer jüdischer Unternehmerfamilien in Bleicherode. 



Ehemalige Villa der Familie Frühberg, 2023. (Foto: D. Dias de Oliveira)


Die Evangelische Kirschengemeinde Bleicherodes bekannte sich verhältnismäßig früh zu ihrer Mitverantwortung und ließ im Jahr 1988 eine Gedenktafel an der Marienkirche anbringen. Diese trägt die Inschrift: 


In unserer Stadt gab es eine Gemeinschaft unserer älteren Geschwister im Glauben an Gott - Die Jüdische Gemeinde Bleicherode. Ihre Synagoge wurde am 9. November 1938 niedergebrannt. Die Menschen wurden verächtlich gemacht, gemieden, vertrieben. Viele wurden umgebracht. Und wir haben geschwiegen. Herr, hilft, dass wir nicht wieder schweigen, wenn neben uns Menschen verächtlich gemacht oder gemieden werden. Amen. 1988 - Fünfzig Jahre danach.“



Gedenktafel an der Marienkirche aus dem Jahr 1988, 2023. (Foto: D. Dias de Oliveira)


Die Geschichte der Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen aus Bleicherode im Nationalsozialismus ist vergleichsweise gut erforscht. Hans-Joachim Dietrich publizierte bereits 1967 eine längere Abhandlung zur 500-jährigen Geschichte der jüdischen Gemeinde in Bleicherode (1973 bis 1975 in einer Artikelfolge in einer Zeitschrift der jüdischen Gemeinden der DDR abgedruckt). Seit rund 25 Jahren haben sich zudem vor allem Dr. Dirk Schmidt und die Mitglieder des Fördervereins „Alte Kanzlei Bleicherode e.V.“ um die Erforschung und Dokumentation der jüdischen Geschichte Bleicherodes verdient gemacht.


Das vor dem Verfall stehende Gebäude der Alten Kanzlei, in dem sich 1725 bis 1882 der jüdische Betsaal befunden hatte, konnte Dank des Engagements der Vereinsmitglieder seit 2005 komplett saniert werden und dient heute als Kulturzentrum. Zudem beherbergt es seit der Einweihung 2007 in den ehemaligen Beträumen eine von Dr. Dirk  Schmidt erarbeitete und gestaltete Dokumentation der Geschichte der jüdischen Gemeinde. Aktuell bestehen Bestrebungen, das Archiv für die Wissenschaft, Interessierte und Nachfahren über eine vollständige Digitalisierung der Bestände zugänglich zu machen.


Neueste Erkenntnisse lassen außerdem annehmen, dass in einer der Bauten auf dem Grundstück eine historische Mikwe der damaligen jüdischen Gemeinde existiert haben könnte. Hier sind jedoch noch weitere Forschungen nötig.



Alte Kanzlei Bleicherode im unsanierten Zustand, nach 1966. (Sammlung Dr. Schmidt – Archiv des Fördervereins Alte Kanzlei Bleicherode e.V.)



Alte Kanzlei Bleicherode im sanierten Zustand, Juni 2023. (Foto: D. Dias de Oliveira)


Im Innenhof der Alten Kanzlei steht der alte Synagogen-Gedenkstein von 1988. An der Außenwand des Gebäudes ist eine Gedenktafel den „Opfern der Shoah in Bleicherode“ gewidmet. Sie erinnert namentliche an die letzten in Bleicherode lebenden, 1942 deportierten und ermordeten jüdischen Einwohner.



2022 im Innenhof der Alten Kanzlei angebrachte Gedenktafel für die Opfer der Shoah in Bleicherode, 2023. (Foto: D. Dias de Oliveira)


2006 wurden auf Initiative von Nachfahren von Elly und Leopold Stein in der Talstraße in Bleicherode zwei Stolpersteine verlegt. Diese erinnern an das jüdische Paar, das 1943 aus Erfurt in das KZ Ausschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Es gibt einen Stadtrat-Beschluss über das Verlegen weiterer Stolpersteine; die nötigen Vorbereitungen laufen. 

Quellen und Literatur

Diedrich, Hans-Joachim: Zur historischen Entwicklung der Stadt Bleicherode, Teil 8: Die Geschichte der jüdischen Gemeinde (1465 - 1945), o.O. 1967.

Ders.: Zur 500jährigen Geschichte der jüdischen Gemeinde in Bleicherode und Umgebung, in: Nachrichtenblatt der jüdischen Gemeinde von Groß-Berlin und des Verbandes der jüdischen Gemeinden in der DDR, 1973-1975.

Schmidt, Dirk: Die Judenverfolgung in der Kleinstadt Bleicherode, in: Nordhäuser Nachrichten - Südharzer Zeitung, Heft 27 (2018), S. 9- 15.

Schwierz, Israel: Bleicherode (Landkreis Nordhausen), in: Ders.: Zeugnisse jüdischer Vergangenheit in Thüringen: Eine Dokumentation. Erfurt 2007, S. 78-84.

Zahradnik, Marie-Luis: Beschmiert, umgeworfen, zerschlagen: Ein Gedankenpapier zu Forschungs- und Präventionsbedarfen hinsichtlich Schändungen von Grab- und anderen Totendenkmalen in Thüringen, Nordhausen 2023 (https://www.db-thueringen.de/servlets/MCRFileNodeServlet/dbt_derivate_00061378/Marie-Luis%20Zahradnik%202023%20-%20Beschmiert,%20umgeworfen,%20zerschlagen.pdf).

Links

Links

Website des Vereins „Alte Kanzlei Bleicherode e.V.“: https://www.altekanzleibleicherode.de

Alemannia Judaica, Ortseintrag zu Bleicherode: https://www.alemannia-judaica.de/bleicherode_synagoge.htm#Zur%20Geschichte%20der%20Synagoge

Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, Ortseintrag zu Bleicherode: https://jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/a-b/417-bleicherode-thueringen

Website des Kooperationsprojekts „MENORA | Jüdisches Leben in Thüringen“: Jüdischer Friedhof in Bleicherode: https://www.juedisches-leben-thueringen.de/projekte/juedische-friedhoefe-in-nordthueringen/

­


Autor: Darcy Dias de Oliveira, Student an der 
Friedich-Schiller-Universität Jena.